Hölle

Aus gegebenem Anlass ein Kommentar zur Verabschiedung des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes (KJSG) durch den Bundestag.

„Ich finde es kaum zu ertragen, wenn Pflegekinder zurück in ihre Herkunftsfamilien müssen, dort wiederholt schwere Gewalt erleben und in manchen Einzelfällen sogar sterben.“
Familienministerin Manuela Schwesig1

SPD-Familienministerin Manuela Schwesig hatte sich im Rahmen des Entwurfs für das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KSJG) vehement für eine bessere Absicherung der Rechte von Pflegekindern eingesetzt.
Diese Verbesserung der Lebenssituation für Pflegekinder wurde nun auf Wunsch der Union aus dem Gesetzesentwurf gestrichen.

Als Pflegevater bedaure ich zutiefst, dass mit der Verabschiedung dieser ‚verstümmelten‘ Variante des Gesetzes eine Chance vertan wird, auch Pflegekinder zu stärken, indem man ihnen das gibt (oder ihnen wenigstens nicht verwehrt), was sie, meiner Erfahrung nach, am meisten benötigen: Sicherheit. Kontinuität und Stabilität2.

Seit Elvis bei uns eingezogen ist, kämpfen wir um das Verständnis seiner leiblichen Eltern. Weil diese die Unterbringung ihres Kindes jedoch nicht verstehen und nachvollziehen können, unterstützen sie sie nicht. Das wurde in mehreren Hilfeplan-Gesprächen3 deutlich.
Die damit einhergehende Unsicherheit war und ist für alle am Hilfeplan-Verfahren beteiligten Personen spürbar und überträgt sich so, zumindest indirekt, auch auf das Kind.

Deutlicher und für Elvis unmittelbar spürbar, wird die Ablehnung seiner Unterbringung, wenn er bei den Umgangskontakten auf seine Herkunftsfamilie trifft.
Diese, von ihm direkt erlebte, Infragestellung seiner Sicherheit hat für Elvis weitreichende Folgen: Nach jedem der Umgangskontakte waren bisher deutliche Verhaltensveränderungen bei ihm festzustellen.
Statt wie gewohnt fröhlich, frech und aktiv erlebe ich ihn in der Zeit nach den Kontakten mit den leiblichen Eltern aggressiv, ungewohnt weinerlich, anhänglich und sehr zurückgezogen. Teilweise hat es Umgangskontakte gegeben, nach denen er mehrere Tage lang unser Haus nicht mehr verlassen wollte. Ein offensichtlicher Versuch, seine eigene Sicherheit zu kontrollieren und sicher zu stellen.

In ihren Grundfesten erschüttert wurde diese (vermeintliche) Sicherheit schließlich, als die leiblichen Eltern vor Gericht Elvis‘ Rückführung begehrten.
Fast zeitgleich mit dem Eintreffen des Schreibens vom Gericht verfinsterte sich seine Grundstimmung. Es fiel ihm immer schwerer, mit anderen Kindern zu spielen. Aus dem Kindergarten wurde uns berichtet, wie Elvis teilweise einfach nur in der Gruppe saß und ins Leere starrte.
Seine tiefgreifende Verunsicherung führte dazu, dass er abends nicht mehr einschlafen konnte, weil er sich ständig unserer Anwesenheit versichern musste: „Mama? Papa? Seid ihr noch da?“.
Alle drei Minuten.
Jeden Abend…

Wie dramatisch diese Zeit für Elvis war, lässt sich noch immer am Türrahmen seines Zimmers ablesen. Seit seinem Einzug bei uns hatten wir uns angewöhnt, seine Körpergröße alle sechs Monate zu messen. Elvis wuchs erstaunlich gleichmäßig: jedes Halbjahr 4 cm.
Mit Beginn des Verfahrens stellte sein Körper das Wachstum ein.
Ganze 8 mm sind in den ersten sechs Monaten des Verfahrens abzulesen…
Erst als sich der Ausgang des Verfahrens (Verbleib) abzuzeichnen begann, legte er wieder zu. Die letzten zwei Striche haben wieder den gewohnten Abstand: 4 cm.
Elvis‘ Verunsicherung jedoch bleibt weiterhin spürbar.
Vor allem Abends, beim Zubettbringen.

Einer Politik, die die Lebensrealität von Pflegekindern ausblendet um sich krampfhaft an ein, von der vielfach gelebten Realität überholtes, romantisches Vater-Mutter-Kind-Konzept klammert, möchte ich entgegnen:

“Familie ist nicht vererbter Bezug sondern gelebte Beziehung.“

Fehlende Sicherheit ist Gift für jede Beziehung. Erst recht, wenn es sich dabei um die oft mühsam und mit viel Liebe und Geduld etablierten Beziehungen von Pflegekindern zu ihrem sozialen Umfeld handelt.

Frage des Tages

Ist es für alle Menschen (auch für Politiker) selbstverständlich, dass eine Gefährdung des Wohls eines jeden Kindes nicht geduldet wird?

Fußnoten:

  1. vgl. Artikel „Wem gehört das Kind“ auf www.welt.de
  2. vgl. Stellungnahme des Bundesesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien e.V. (PFAD): „Umsonst gehofft – Pflegekindern bleibt Stabilität in der Pflegefamilie verwehrt“ auf www.pfad-bv.de
  3. vgl. Artikel „Hilfeplanverfahren“ auf www.wikipedia.org

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