Der erste Tag

Ich hatte mir für diesen besonderen Tag extra Urlaub genommen, denn heute sollte unser Pflegekind, Elvis, bei uns einziehen.

Schon den ganzen Morgen saßen wir nervös am Küchentisch. Würde es ihm bei uns gefallen? Kämen wir im Alltag auch so gut miteinander zurecht wie in den wenigen gemeinsamen Stunden während der Anbahnung?

Als es endlich klingelte, sprangen wir wie von der Tarantel gestochen auf und sprinteten zur Haustür.
Kurzes Innehalten, dann öffnet sich die Tür: „Tadaaaa!“

Da stand er: Eine Schirmmütze, mindestens zwei Nummern zu klein, krönte schief Elvis‘ rundes Haupt. Der King lächelte etwas verunsichert. Mit einem solch königlichen Empfang hatte er wohl nicht gerechnet.
In der Hand hielt Elvis die Miniaturversion eines Rucksacks. Darin verstaut – sein gesamtes Hab und Gut: eine Hose, drei T-Shirts und der Kuschel-Hase, den wir ihm beim ersten Kennenlernen geschenkt hatten.

So hat damals alles angefangen…

Elvis‘ Start ins Leben war leider nicht so feierlich. Er wurde in eine Familie geboren, die nicht für ihn sorgen konnte. Trotz intensiver Hilfen von außen konnte seine Lebenssituation dort nicht verbessert werden. Ein Familiengericht beschloss schließlich, der Herkunftsfamilie Teile des Sorgerechts zu entziehen und den kleinen Mann in einer Pflegefamilie (genauer: Erziehungsstelle) unterzubringen.
So landete Elvis schließlich bei uns.

Wenn wir uns heute die Fotos von damals anschauen, müssen wir unwillkürlich schmunzeln. Über Elvis („Wie klein er damals war!“ und „Weißt du noch – diese grüne Mütze? Die wollte er gar nicht mehr absetzen.“) und über uns selbst und die Naivität mit der wir das „Projekt Pflegekind“ angegangen sind.
Was folgte war eine Achterbahnfahrt, die wir uns in den kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können.

Wie oft haben wir uns in der Zeit einen Ansprechpartner gewünscht, der die Fahrt schon hinter sich hatte? Eine neutrale Person, die nicht im Netz der Abhängigkeiten in Elvis‘ Hilfesystem verstrickt war…
Wir hätten ihr Löcher in den Bauch fragen wollen über alle Einzelheiten der Pflegeelternschaft und hätten uns so vielleicht die ein oder andere eigene ‚Bruchlandung‘ mangels Erfahrung sparen können.

Elvis‘ Papa möchte ein Ansprechpartner für junge Pflegefamilien mit ihren vielen offenen Fragen sein.
Ein Forum, in dem erfahrene Pflegefamilien oder -kinder ihre Erlebnisse mit anderen teilen. Aber auch eine Anlaufstation für Menschen, die sich für die Themen interessieren, auch wenn sie selber (noch) nichts mit Pflegekindern zu tun haben.

Frage des Tages

Ist dem Pflegekinderwesen ein offener, wertschätzender Austausch wichtig?

2 Gedanken zu “Der erste Tag

  1. Habe mir die bisherigen Beiträge angeschaut, viel gelacht (über den Comic) und bin tief beeindruckt, wie klasse und doch kritisch Sie ihre Erlebnisse darstellen und denen Denkanstöße geben, die sie haben wollen. Einfach klasse!!!
    Freue mich auf die nächsten Beiträge!
    >

  2. Der Austausch kann nur klappen, wenn Pflegeeltern als gleichwertige Partner angesehen werden und leider muß man da schon etwas arbeiten, um dies zu erreichen.

    Aber klar wäre der Austausch wichtig. Nichts hasse ich mehr, als diese Vorführballettveranstaltungen, in denen alle Seiten so tun, als wäre alles super. Doch leider gibt es nicht genug professionelles Personal, bei dem man auch klarstellen kann: Nix ist gerade super, es ist gerade scheiße! Ohne, dass Zweifel an der Arbeit angemeldet wird.

    Ich kann mich gut an den Blick einer JA-Mitarbeiterin erinnern, als ich sagte: Aktuell fällt es mir schwer, auf den Händen zu sitzen, weil … es schafft mich zur Weißglut zu reizen.
    War für diese unvorstellbar, hätte sie gerne einen Tag erleben lassen.

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