Der Hofstaat

Mit Elvis‘ Einzug holten wir uns nicht nur ein neues Familienmitglied ins Haus – neben dem King stand plötzlich ein ganzer Hofstaat wildfremder Menschen auf unserer Matte.

Die ‚wildfremden Menschen‘ waren in diesem Fall die legitimen Vertreter der in Elvis‘ Hilfesystem beteiligten Parteien, die ich im Folgenden gerne einmal aufzählen möchte:

Das Jugendamt

Es verwaltet den Fall und organisiert die Hilfeplanung.
Es bringt ein Kind entweder direkt oder, wie in unserem Fall, über einen Hilfeträger in einer geeigneten Familie unter und muss dabei zwischen fachlich-pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekten abwägen (Welchen Bedarf hat das Kind? Wieviel gibt das Budget her?). Die chronische Überbelastung der Jugendämter ist dabei Entscheidungen im Sinne des Kindes wenig zuträglich.
Die Dame vom Jugendamt besucht uns und Elvis etwa ein mal jährlich.

Der Hilfeträger

In unserem Fall ein eingetragener Verein, der den Jugendämtern in der Region (unter anderem) die Leistung „Unterbringung eines Kindes gemäß §34 SGB VIII“ verkauft.
Die pädagogische Fachkraft, die die Unterbringung Elvis‘ bei uns initiiert hatte und uns als Fachfamilie innerhalb des Vereins betreute, ist angehalten, sich regelmäßig vor Ort ein Bild von der Lebenssituation des Kindes zu machen.
Sie besucht uns fast jeden Monat.

Die Pflege/Vormundschaft

Sie nimmt nach der Bestellung durch das Familiengericht diejenigen Teile des Sorgerechts des Kindes wahr, die den Kindeseltern entzogen wurden. In der Regel: Aufenthaltsbestimmungsrecht; Recht, öffentliche Leistungen zu beantragen, und Recht zur Ausübung der Gesundheitsfürsorge.
Die Vormundschaft nimmt eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Unterbringung eines Kindes ein: Sie hat die wesentlichen Teile des Sorgerechts inne und entscheidet (unter anderem) wo sich das Kind aufhält (z.B. in der Pflegefamilie) und wo nicht (z.B. in der Herkunftsfamilie).
Elvis‘ Wohlergehen wird in mehreren Hausbesuchen jährlich überprüft.

Die Kindeseltern

Möchten den Kontakt zu ihrem Kind aus persönlichen und/oder wirtschaftlichen Gründen (z.B. Kindergeld) aufrecht erhalten.
Sie sehen das Kind bei Umgangskontakten mehrmals im Jahr.
 

Im Falle eines Verfahrens kann es zudem sein, dass vom Gericht weitere Personen ins Hilfesystem berufen werden:

Die Verfahrenspflege

Sie übernimmt für die Dauer des Verfahrens die Vertretung der Interessen des Kindes (zusätzlich zu oder Anstelle der Pflege/Vormundschaft), wofür sie das Kind in einem oder mehreren gemeinsamen Terminen erstmal kennenlernen muss.

Die Gutachterin

Wird von Seiten des Gerichts ein*e Gutachter*in bestimmt, kommt es auch hier zu diversen Kennenlern- und natürlich Begutachtungsterminen (des Kindes, der Pflegefamilie, der Herkunftsfamilie und der Interaktion des Kindes mit den leiblichen Eltern).
 

Das sind eine ganze Menge Leute, die da am direkten Hilfesystem des Kindes beteiligt sind – von den meist indirekt beteiligten Ärzt*innen und Therapeut*innen ganz zu schweigen…
Die wenigsten haben wir uns selber aussuchen können – aber all diese Leute wollen (oder müssen) ein- oder mehrmals im Jahr Termine mit uns und/oder Elvis haben. So sorgt Elvis‘ Hofstaat, über das Jahr gesehen, für viele (fremdbestimmte) Einträge in unserem Familienkalender.

Frage des Tages

Sind alle Personen im Hilfesystem daran interessiert, die vermeidbaren Belastungen für die Pflegefamilie (und damit für das Kind) auf ein absolut nötiges Mindestmaß zu verringern?

2 Gedanken zu “Der Hofstaat

  1. Wenn es gute Personen im Hilfesystem sind, schon. Und manchmal muss man gegen die nicht guten kämpfen, denn nur wenn das so ist, ist eine gedeihliche Zusammenarbeit überhaupt möglich.

    Wir hatten bspw. einen Vormund (Besser gesagt eine Vormündern), die völlig aus der Rolle fiel. Diese Frau hat mir Lügen unterstellt, war ständig überfordert und nicht zur Ruhe zu bringen.
    Und hier hat sich auch gezeigt, dass es eben nicht reicht, zu verstehen, welche Aufgaben man übernommen hat. Diese Frau war einfach kein Profi. Sie war völlig bei dem angedockt und nicht in der Lage, Ihre Aufgabe auf das Wesentliche zu konzentrieren.
    Nach einer Klage zum Wechsel des Vormundes – mit der entsprechenden Reaktion beim Jugendamt (aber das ist ein anderes Thema) haben wir jetzt einen Vormund, der versteht und bspw. auch versucht, Termine zu reduzieren, wo er dies kann. Zum Beispiel Termine mit Berater oder Jugendamt zusammenzulegen. Aber das war ein harter Kampf und ich würde inzwischen massiv vor Menschen warnen, die keine Ahnung von Trauma und Pflegekindern haben, denn nichts ist schlimmer, als mit emotional beteiligten Menschen zusammenarbeiten zu müssen.
    Dann kann von nötiges Mindestmaß in keiner Weise die Rede sein.

    • Wenn man sich mal anschaut, aus wievielen Akteur*innen so ein Hilfesystem für ein einzelnes Kind bestehen kann…

      Wir haben irgendwann mal durchgezählt und sind auf 13 (!) gekommen. Dass da leicht mal ein schwarzes Schaf dabei sein kann, ist gut vorstellbar. Schwierig wird es, wenn es mehrere sind und/oder sie Schlüsselpositionen besetzen.

      Die Position der Vormunschaft ist in meinen Augen vor allem deswegen relevant, weil dort die ganzen (juristischen) Sicherheiten des Pflegekindes zusammenlaufen.
      Kracht es dort im Gebälk, wird es für das Pflegekind leider schnell Existenz-bedrohend!

Schreibe einen Kommentar