Sicherheit geht vor

Vor einem halben Jahr war Elvis ganz vernarrt in diese kleinen Pixi-Bücher. Besonders hatte es ihm ein Buch aus der „Conni“-Reihe angetan:
In eine süße Geschichte verpackt wird dort erzählt, wie die kleine Conni ein Geschwisterchen bekommt.

Die liebevoll gestalteten Illustrationen zeigen, wie der Bauch von Connis Mama von Seite zu Seite auf beachtliche Dimensionen anwächst, bis der Papa sie schließlich ins Krankenhaus fährt und das Baby geboren wird. Mama, Papa, Oma, Opa und Conni alle freuen sich über das Baby.

Nachdem wir die Geschichte zum x-ten Mal innerhalb einer Woche gelesen hatten, wollte Elvis mir vor dem Licht-Ausmachen unbedingt noch was sagen. Er räusperte sich, schien nach den richtigen Worten zu suchen. Dann schließlich sagte er mit fester Stimme: „Papa, weißt du, ich komme aus Mamas Bauch.“

„Oh, Mann“, dachte ich, „bitte jetzt keine Grundsatzdiskussion. Es ist Bettzeit.“ Aber Elvis erwartete eine Antwort von mir. Eine Bestätigung.
Ich war hin- und hergerissen zwischen Wahrheit („du kommst aus dem Bauch einer Frau, die nicht für dich sorgen konnte“) und Wirklichkeit („Mama ist deine richtige Mama“). Meine Gedanken schweiften ab…

In den bisherigen Hilfeplan-Gesprächen hatten die Damen vom Jugendamt stets eine „altersgerechte Biografie-Arbeit mit dem Kind“ von uns gefordert – einer der Gründe, warum ich mich in vergleichbaren Situationen bisher immer dazu berufen gefühlt hatte, wahrheitsgemäß zu antworten. Es wurden Begriffe wie „Bauchmama“ und „Herzmama“ vorgeschlagen. Uns wurden – spätestens zum Beginn Elvis‘ Pubertät – Weltuntergangs-Szenarien prophezeit, sollten wir nicht früh genug mit der Biografie-Arbeit beginnen.

Elvis‘ Reaktion auf unsere Biografie-Versuche war bislang immer die Gleiche: wegdrehen und sofort irgendetwas anderes machen. Hektisch irgendwelche Spielsachen zusammensuchen oder unzusammenhängend drauflos brabbeln – Hauptsache das Thema war vom Tisch…

Wir halten eine fundierte Biografie-Arbeit nach wie vor für einen wesentlichen Baustein für Elvis‘ Entwicklung. Es gehören aber eben immer zwei dazu: der mit der Biografie und der mit der Arbeit. Wenn einer von beiden nicht will (oder nicht kann), ist eine fundierte Biografie-Arbeit nicht realisierbar.

Als ich mich schließlich neben Elvis‘ Bettchen kniete, musste ich an das kleine Wörtchen „altersgerecht“ denken.
„Das stimmt“, flüsterte ich Elvis zu, „du kommst aus Mamas Bauch. Und jetzt schlaf gut, kleine Maus.“

Frage des Tages

Ist allen Akteur*innen des Hilfeplans bewusst, dass eine fundierte Biografie-Arbeit erst dann erfolgen kann, wenn das Kind bereit dazu ist – und lassen sie ihm die Zeit, die es benötigt?

4 Gedanken zu “Sicherheit geht vor

  1. Bei uns ist das Thema Bauchmama – Welch bekloppter Begriff – immer in der Diskussion.
    Vielleicht haben wir das Glück, dass Kid 1 noch Treffen mit ihrer Mutter hat und gleichzeitig sehr gut gebunden ist. Daher können wir das Thema regelmäßig besprechen ohne irgendein belastendes Moment.
    Vor allem haben wir für uns die Definition: Mama und Papa ist, wer sich kümmert. Die Eltern, die gezeugt und geboren haben sind eben genau dies. Die meiste Aufregung in den Kids entsteht meiner Erfahrung nach aus der Angst der Pflegeeltern oder Fachkräfte, da könnte etwas entstehen oder verborgen sein.
    Je selbstverständlicher wir Pflegeeltern die Situation beschreiben und klarstellen, desto sicherer gehen die Kids damit um. Und dazu gehört auch der Respekt vor dem Wunsch aus „Mamas“ Bauch kommen zu wollen!
    Biographie Arbeit entsteht in dieser Atmosphere völlig natürlich und hier vor allem sind für mich alle gefragt, Bei jedem meiner drei entstehen Fragen, wie:
    – warum habe ich zwei Vornamen? Hat das eine Bedeutung?
    – wieso hab ich keinen Taufpaten?
    – um wieviel Uhr bin ich geboren?

    Alles Fragen, die uns gestellt wurden und um deren Beantwortung wir zur Not Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sie beantwortet zu bekommen und zwar so schnell es geht.
    In diesem Sinn gebe ich Dir völlig Recht, das Kind bestimmt das Tempo. Von völlig unmotivierten Beschäftigungen mit dem Thema halte ich auch nichts, aber eben auf keinen Fall das Kind anlügen.

    • Hallo, Chris.
      Ich habe immer wieder erlebt, wie das zuständige Jugendamt Biographie-Arbeit mit Elvis eingefordert hat, ohne Rücksicht darauf zu nehmen ob er, bzw. dass er (noch) nicht bereit dazu war.

      Auf Elvis‘ erste zaghafte Impulse reagierend, machen wir gerade die ersten vorsichtigen Schritte auf dem Weg.
      Das von Amts wegen heraufbeschworene Bedeutungs-Ungetüm ‚Biografie-Arbeit‘ entpuppt sich dabei als unheimlich zartes Pflänzchen, mit dem man entsprechend umgehen sollte.

      ‚Wahrheit‘ und ‚Wirklichkeit‘ klaffen hier auch auf bürokratischer Ebene noch weit auseinander.

  2. Ich finde den Begriff der „natürlichen Biografiearbeit“ wie Chris es beschreibt sehr passend. Bei uns haben sich Gesprächssituationen und Fragen aus dem Kontext ergeben, bzw. unser Pflegesohn hat nachgefragt. Er hat das Tempo bestimmt und war in der Lage die biografischen Antworten unsererseits zu verarbeiten. Wir hoffen mit Beginn der Schulzeit auf sensible Lehrer, die ihn hier nicht überfordern.
    @Elvispapa: Super Seite mit besonders guten Zeichnungen. Freu mich auf mehr!

Schreibe einen Kommentar