Entweder / Oder

Der Wunsch des Menschen, komplexe Sachverhalte auf seine wesentlichen Elemente herunter zu brechen ist nachvollziehbar, will er sich damit doch zu Verstehendes überschaubar und begreifbar machen.
Dass das Jugendamt den vielschichtigen Sachverhalt ‚Kind‘ auf ein einziges Element reduzierte, ging mir dann aber doch zu weit…

In den ersten Hilfeplangesprächen berichteten wir den Beteiligten von Elvis‘ auffälligen Verhalten: Damals, in den Wochen unmittelbar nach seinem Einzug, übermannten ihn immer wieder Schrei-Attacken. In seiner Wut schlug er sich den Kopf an die Wand und überstreckte sich, auf dem Boden liegend.

Auslöser für solches Verhalten kann ein Trauma sein. Das Kind ist in einer, es überfordernden, Situation plötzlich zurückgeworfen auf seine frühkindlichen Handlungsmöglichkeiten (Schlagen, Treten, Überstrecken) und agiert diese aus.
Auch wenn sich das Jugendamt wie ein Wurm wand um den Begriff ‚Trauma‘ möglichst zu vermeiden, waren sich die anderen Beteiligten relativ schnell einig, dass Elvis‘ Verhalten auf seine frühkindliche Traumatisierung zurückzuführen sei – womit das Thema für sie auch abgehakt war.

Etwa ein Jahr später geriet der bei einem Hilfeplangespräch Alkohol-Konsum der Kindesmutter in den Fokus. Es folgten eine Untersuchung von Elvis in einer auf FASD1 spezialisierten Tagesklinik.
Im folgenden Hilfeplangespräch drehte sich dann alles nur noch um den bestätigten Verdacht auf FASD.

Das Jugendamt wurde nicht müde, zu betonen, dass ja nun endlich eine (klinisch bestätigte) Erklärung für Elvis‘ auffälliges Verhalten vorlag: Die Schrei-Attacken, die Wut, das Überstrecken – ausschließlich verursacht durch FASD? Das schien mir etwas zu kurz gedacht. Doch alle Versuche, die frühkindliche Traumatisierung als (Teil-) Ursache für Elvis‘ Anpassungsprobleme – und damit als wichtigen Baustein für eine Lösung dieser – auf den Tisch zu bringen, scheiterten an der felsenfesten Überzeugung des Jugendamtes.
Trauma und FASD? Unvorstellbar!
Als sei der Stein der Weisen gefunden worden, wurden sämtliche, bisher besprochenen, Besonderheiten in die neue Diagnose hineininterpretiert.

Es folgte eine ernüchterte Heimfahrt. Ich ärgerte mich.
Durch die Starrköpfigkeit der Dame vom Jugendamt konnte die Hilfe für Elvis in diesem Teilschritt nicht optimal auf seine Bedürfnisse (eben auch: Trauma-bezogenes Arbeiten) abgestimmt werden.

Frage des Tages

Werden alle relevanten Faktoren in die Gestaltung der konkreten Hilfe für das Kind – auch und besonders in ihren einzelnen Teilschritten – einbezogen?

Fußnoten:

  1. Fetale Alkoholspektrum–Störungen (FASD) ist der Oberbegriff für alle Formen kindlicher Schädigungen, die durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft verursacht werden können. Sind die alkoholbedingten Schädigungen besonders umfassend, spricht man von einem fetalen Alkoholsyndrom, kurz FAS. Quelle: www.fasd-deutschland.de

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