Dauerbreit

„Trinker zeugen Trinker“, wusste schon Plutarch, Schriftsteller und Philosoph der griechischen Antike.
Alkoholprobleme werden innerhalb von Familien tradiert, d.h. von Generation zu Generation weitergegeben 1.

Dementsprechend ist davon auszugehen, dass die leiblichen Eltern alkoholgeschädigter Kinder ebenfalls alkoholbelasteten Elternhäusern entstammen. Das Thema FASD2 in der Kinder- und Jugendhilfe ist also nie nur eines der jeweiligen Kinder-Generation.

Als damals Elvis‘ FASD-Diagnose vorlag, freute sich vor allem das Jugendamt, dass endlich eine Erklärung für das auffällige Verhalten des Kindes vorlag 3. Was diese Diagnose für den Umgang mit den Kindeseltern bedeutete, wurde nicht thematisiert. Und das, obwohl die alkoholbelastete Familienvergangenheit der Kindesmutter aus Protokollen bereits vorab ablesbar gewesen war.

FASD Deutschland e.V. führt auf seinen Internetseiten Besonderheiten im Verhalten FASD-geschädigter Personen auf 4.
Im konstruktiven Umgang mit FASD-geschädigten Erwachsenen muss berücksichtigt werden, dass diese ‚anders ticken‘ (Auszug):

  • Sie halten soziale Regeln oft nicht ein.
  • Sie haben ein großes Risiko, dass sie die Beaufsichtigung, die sie brauchen, als Gefängnis empfinden (…) [Ablehnung von Hilfeangeboten und scheinbarer ‚Bevormundung‘ durch das Jugendamt im Rahmen der Hilfe für das Kind].
  • Sie haben Wutausbrüche, wenn sie aufgefordert werden, irgendetwas zu machen, was ihnen übertrieben oder unvernünftig erscheint.
  • Sie sind sehr anfällig, abhängige Verhältnisse anzufangen, die dann oft in Gewalttätigkeit übergehen.
  • Sie sind anfällig für (…) geistige und emotionelle Überlastungen.

 

Die leiblichen Eltern sind meines Erachtens ein ganz wesentlicher Faktor im Hilfesystem. Ohne ihre aufrichtige Beteiligung kann eine Akzeptanz für die Fremd-Unterbringung ihres Kindes, meiner Erfahrung nach, nicht erreicht werden. Bei Elvis trägt dies seit Beginn der Unterbringung dazu bei, dass er, trotz seiner und unserer umfangreichen Bemühungen, letztendlich nie die hundertprozentige Sicherheit in der Beziehung zu uns aufbauen kann, die er so dringend braucht 5.

Frage des Tages

Sind alle Akteur*innen des Hilfesystems – als Schnittstelle zu den Kindeseltern jedoch besonders das Jugendamt – bereit, die Besonderheiten in der Einbindung alkoholgeschädigter Kindeseltern zu berücksichtigen und aufzufangen?

Fußnoten:

  1. vgl. Martin Zobel: Wie der Vater so der Sohn? – Erwachsene Kinder von Alkoholikern. PDF-Datei
  2. Fetale Alkoholspektrum–Störungen (FASD) ist der Oberbegriff für alle Formen kindlicher Schädigungen, die durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft verursacht werden können. Sind die alkoholbedingten Schädigungen besonders umfassend, spricht man von einem fetalen Alkoholsyndrom, kurz FAS.
    Quelle: www.fasd-deutschland.de
  3. vgl. Blog-Eintrag ‚Entweder / Oder‘
  4. vgl. www.fasd-deutschland.de
  5. vgl. Blog-Eintrag ‚Hölle‘

Schreibe einen Kommentar