Schnittstelle

Kaum ist Elvis‘ bei uns eingezogen, ändert sich auch schon das zuständige Jugendamt…

Als Elvis aus seiner Herkunftsfamlie genommen wurde, lebte die Kindesmutter noch im Kreis Musterstadt *. Die unterbringende Behörde war dementsprechend das Kreisjugendamt Musterstadt. Wir freuten uns über freundliche und engagierte Ansprechpartner, mit denen Elvis‘ Umzug zu uns während der relativ kurzen Anbahnungsphase wunderbar unkompliziert vorbereitet wurde.

Etwa zeitgeich mit Elvis‘ Einzug zog die Kindesmutter aus dem musterstädtischen Umland mitten in die City – mit der Folge, dass die Zuständigkeit des Jugendamtes wechselte.

Für die Gewährung von Leistungen nach diesem Buch ist der örtliche Träger zuständig, in dessen Bereich die Eltern ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben. An die Stelle der Eltern tritt die Mutter, wenn und solange die Vaterschaft nicht anerkannt oder gerichtlich festgestellt ist.
§ 86 Abs. 1 SGB VIII

„Amt ist Amt“, dachten wir (zugegebenermaßen etwas naiv), „soviel wird sich nicht ändern“.
Vom Kreisjugendamt hatten wir schließlich die Bestätigung bekommen, dass alle Vereinbarungen, die wir während seiner kurzen Zuständigkeit getroffen hatten, in Elvis‘ Akte vermerkt worden waren. Nach Übernahme des Falls würde diese vom Stadtjugendamt eingesehen und zur Grundlage der städtischen Akte gemacht.

Wir waren beruhigt. Die abgestimmten Rahmenbedingungen, wie beispielsweise die zeitlichen Abstände zwischen Umgangskontakten mit den Kindeseltern („erst mal langsam angehen“) oder die gewählte Form der Inkognito-Unterbringung (bei denen die Kindeseltern den genauen Wohnort ihres Kindes nicht kennen) würden übernommen werden.

Dann kam das Stadtjugendamt. Und mit ihm der Ärger.

Als erste Amtshandlung wurde „sofort, umgehend, diese Woche noch“ ein Umgangskontakt mit den Kindeseltern gefordert und durchgesetzt.
Beim darauf folgenden, ersten Hilfeplangespräch wurden wir vor den Kindeseltern mit unseren Namen angesprochen.
Es wurde amtsintern eine neue Sachbearbeiterin zuständig, die auf dem Deckblatt des Hilfeplan-Protokolls gleich unsere vollständige Adresse an alle verteilte (soviel zum Thema Inkognito-Unterbringung…).

Von mir auf die, mit dem Kreisjugendamt getroffenen, Vereinbarungen (Umgangskontakte, Inkognito-Unterbringung) angesprochen, belehrte mich die Sachbearbeiterin flapsig in Verwaltungs-Sprech, sie sei nicht verpflichtet, die Akte des Kreisjugendamtes zu übernehmen.

Das konnte ja heiter werden!
Wurde es auch, doch dazu später mehr…

Kurz bevor Elvis‘ Unterbringung sich zum zweiten Mal jährte, freuten wir uns schon wie die Schneekönige. Endlich würden wir das ungeliebte Stadtjugendamt los, denn:

Lebt ein Kind oder ein Jugendlicher zwei Jahre bei einer Pflegeperson und ist sein Verbleib bei dieser Pflegeperson auf Dauer zu erwarten, so ist und wird abweichend von den Absätzen 1 bis 5 der örtliche Träger zuständig, in dessen Bereich die Pflegeperson ihren gewöhnlichen Aufenthalt hat.
§ 86 Abs. 6 SGB VIII

Im Normalfall gibt also das, am Wohnort der Kindesmutter zuständige, Jugendamt (hier: Musterstadt) den Fall nach zwei Jahren der Unterbringung ab an das Jugendamt am Wohnort der Pflegefamilie (hier: Nachbarstadt *).

Aber was ist schon normal?

Zwei Wochen vor der möglichen Fall-Übergabe strengte die Kindesmutter vor Gericht ein Verfahren auf Rückführung des Kindes in die Herkunftsfamilie an.

„Tja“, seufzte da unsere heiß und innig geliebte musterstädtische Muster-Sachbearbeiterin, „so lange ein Gerichtsverfahren läuft, darf ich den Fall nicht abgeben. Verwaltungsvorschrift.“

* Ortsnamen wurden geändert

Frage des Tages

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