Wut

„So kenne ich Elvis ja gar nicht“, murmelte die Nachbarin sichtlich betroffen, nachdem sie gerade ein Video von einem der Wutausbrüche unseres King of Rock’n’Roll gesehen hatte.
So kannte sie ihn wirklich nicht. So kannte ihn niemand Fremdes. So kannten nur wir ihn.

Vor allem in der Zeit unmittelbar nach seinem Einzug bei uns verfiel Elvis immer wieder in heftige, unbeherrschte Gefühlsausbrüche. Auslöser konnte eine kleine Meinungsverschiedenheit sein, eine überfordernde und/oder für ihn unübersichtliche Situation oder einfach Müdigkeit oder Hunger.
Wenn damals unmittelbar nach seinem Aufstehen kein reichhaltig gedeckter Frühstückstisch mit fertig geschmiertem Marmeladenbrot auf ihn wartete, sobald er die Küchentür öffnete, starteten wir auch schonmal mit einem Wutausbruch in den Tag.

Der Ablauf war eigentlich immer der gleiche und konnte durchaus mal eine Stunde lang dauern:

  1. Auslöser
  2. Schreien
  3. In-die-Luft-schlagen und -treten, sich überstrecken
  4. Lauter Schreien
  5. Bezugspersonen schlagen und treten
  6. Bezugspersonen beschimpfen und wegschicken
  7. Nähe zu Bezugspersonen suchen und, wenn in geeigneter Distanz,
  8. Wiederholung von 4. bis 7.

Hatte sich Elvis mal wieder in einem Wutausbruch verfangen (denn so sah es irgendwie aus; freiwillig jedenfalls steckte er dort nicht fest), blieben wir, alleine oder auch zu zweit, im Raum und für ihn da. Immer wieder – vor allem während der Phasen 6 und 7 – boten wir Elvis aktiv unsere Nähe an.
Irgendwann – einen genauen Auslöser dafür haben wir lange gesucht, aber nie wirklich gefunden – konnte er sich darauf einlassen. Oft lag er dann lange in unseren Armen und schluchzte, von der Heftigkeit des gerade Erlebten überwältigt, noch lange nach.

Wenn wir mit Freunden und Nachbarn über diese (auch für uns) emotionalen Ausbrüche sprechen wollten, wollte uns keiner so recht glauben, dass in dem süßen Fratz so eine große Wut steckte. Oft hörten wir Sätze wie „Jaaaa. Wut kann meiner auch.“ oder „Wenn unsere mal nicht kriegt was sie will, kann sie auch richtig aufdrehen.“

Irgendwann haben wir begonnen, Elvis‘ Wutausbrüche unauffällig mit dem Handy zu filmen, um diese mal in einem Hilfeplangespräch thematisieren zu können.
Das Jugendamt hatte wenig Verständnis dafür (weder im Sinne von ‚Verstehen‘ noch im Sinne von ‚Einfühlungsvermögen‘), sah keinen Handlungsbedarf und ist einfach nicht weiter darauf eingegangen.
Der Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin dagegen haben die Videos in der Arbeit mit Elvis sehr geholfen.

Mit dem Verweis auf seine frühkindliche Traumatisierung bestätigte sich unser Gefühl, dass es Elvis‘ Wut eine besondere ‚Qualität‘ hatte. Wir hatten den Eindruck als sei sie irgendwie tiefer verwurzelt als die ’normale‘ Kinderwut: wenn man dem Nachbarskind gab, was es wollte, hörte es sofort auf zu toben.

Elvis‘ Wut dagegen war unstillbar. Einem Großbrand in einer Lagerhalle gleich wütete sie. Wir standen daneben, wie Feuerwehrleute mit viel zu kleinen Wasserschläuchen und löschten.
Wir wussten, wir würden die Flammen nicht ersticken können, aber wenn sie sich legten, wollten wir da sein um unser Kind aus den Trümmern zu ziehen und in Sicherheit zu bringen.

Wir haben uns oft gefragt, wohin sich diese unfassbare Wut noch steigern könnte. Welche Formen würde Sie annehmen, wenn Elvis älter würde? Wenn sie sich proportional zur Körpergröße weiterentwickeln würde, müssten wir spätestens zu Beginn der Pubertät alle Holz- durch Stahltüren und unsere gemütlichen Möbel durch Vandalismus-sichere ersetzt haben…

Frage des Tages

Werden in der Gegenwart auftretende Auffälligkeiten des Kindes ernst genommen und diese – auch im Hinblick auf ihre zukünftige Entwicklung – früh thematisiert und professionell angegangen?

1 Gedanke zu “Wut

Schreibe einen Kommentar