Ein Erklärungsversuch

Elvis haben die Umgangskontakte mit seinen leiblichen Eltern von Anfang an sehr zu schaffen gemacht. Die (psychisch-emotionale) Belastung für den kleinen Mann war erheblich und hielt oft auch Wochen nach dem Kontakt noch an.
Alles Reden mit dem Jugendamt führte zu nichts, also fasste ich mir ein Herz und wendete mich während eines Hilfeplangesprächs direkt an die Kindeseltern…

Die Kindeseltern hatten in vorangegangenen Treffen große Schwierigkeiten mit dem Erfassen von (komplexen) Sachverhalten gezeigt.
Das Jugendamt machte keine Anstalten, ihnen das Verständnis dieser Sachverhalte irgendwie zu erleichtern.
Mir war es aber sehr wichtig, dass die beiden verstanden, was da bei und nach jedem Umgangskontakt mit ihrem (und unserem) Kind geschah.

Also griff ich ein Hilfsmittel auf, das ich im Rahmen einer tollen Fortbildung zum Thema Inklusion kennengelernt hatte:

Ich schrieb den Kindeseltern einen Brief in leichter Sprache und trug diesen zum Ende des nächstfolgenden Hilfeplangesprächs vor:

Liebe Kindeseltern,

wir sind die Pflegeeltern von Elvis.
Wir sind mit Elvis zum Arzt gegangen, weil
wir machen uns Sorgen um Elvis.

Elvis hat Angst vor den Besuchs-Kontakten.
Ihm geht es dabei immer schlecht.
Elvis versucht zu lächeln, aber er hat Angst.
Das sieht man, wenn er plötzlich nicht mehr klettern kann.
Oder wenn er immer hinfällt.

Wegen der Angst geht es Elvis
nach dem Besuchs-Kontakt 3 Wochen lang schlecht.
Er tut dann Dinge, die er sonst nicht tut:
Elvis schläft sehr viel und spielt wenig.
Er schreit und weint oft. Und schlägt andere Kinder.

Wir wollen, dass Sie Elvis sehen dürfen.
Aber wenn wenig Zeit zwischen den Besuchs-Kontakten ist,
geht es Elvis oft schlecht.
Wenn viel Zeit zwischen den Besuchs-Kontakten ist,
geht es Elvis gut.

Damit es Elvis gut geht,
sollte es jetzt wenige Besuchs-Kontakte geben.
Wenn er besser versteht, wo er herkommt,
können wir das wieder ändern.
Dafür sind die Hilfeplan-Gespräche.

Damit es Elvis gut geht,
sollte es 4 Besuchskontakte im Jahr geben.
1 im Frühling. 1 im Sommer.
1 im Herbst. Und 1 im Winter.
Das kann man sich gut merken.

Während ich den Brief vorlas, war ich ganz schön aufgeregt. Ich achtete darauf, langsam, laut und deutlich zu sprechen und dabei meine Worte nur an die Kindeseltern zu richten, die mir direkt gegenüber saßen. Ob sie verstanden, was ich ihnen sagen wollte, konnte ich nicht von ihren Gesichtern ablesen.
Um so mehr stand in die Gesichter der Damen von Jugendamt, Vormundschaft und Hilfeträger geschrieben: eine Mischung aus Erstaunen und Entsetzen.

Als sie ihre Fassung wiedererlangt hatten, beendeten die Damen vom Jugendamt kurzerhand den Termin.
Das Thema wurde nicht mehr aufgegriffen.

Frage des Tages

Werden auch komplexere Sachverhalte für alle Beteiligten verständlich aufbereitet und gemeinsam bearbeitet?

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