Einfluss

Den meisten Einfluss auf Entscheidungen, die zum Teil maßgeblich die Entwicklung des Pflegekindes beeinflussen, haben diejenigen Personen im Hilfesystem, die das Kind am wenigsten kennen.
Wie kann das sein?

Wie stellt es sich dar, dieses „Hilfesystem“? Wer sind die Akteurinnen, die die Hilfe für das Kind gestalten?

Die Sachbearbeiterin des Jugendamtes verwaltet den Kinder- und Jugendhilfefall. Sie denkt und handelt auf der wirtschaftlich-bürokratischen Ebene.

Die Vormünderin nimmt nach der Bestellung durch das Familiengericht diejenigen Teile des Sorgerechts wahr, die den Kindeseltern entzogen wurden (z.B. das Aufenthaltsbestimmungsrecht).

Die pädagogische Fachkraft des Hilfeträgers betreut uns als Fachfamilie im Rahmen der Dienstleistung ‚Unterbringung eines Kindes‘ an das Jugendamt.

Die Herkunftsfamilie möchte den Kontakt zu ihrem Kind aus persönlichen und/oder wirtschaftlichen Gründen aufrecht erhalten.

Doch für das Kind am wichtigsten ist seine soziale Familie, die Pflegefamilie.
Wir sind Elvis‘ wichtigste Bezugspersonen. Mit uns verbringt er logischerweise die meiste Zeit – nämlich 24 Stunden jedes Tages eines Jahres.

Zum Vergleich:

Die meisten Akteur*innen sehen das Kind (sehr) selten und dann auch nur kurz:

Pflegeeltern: 365 Tage pro Jahr, jeweils 24 Stunden (100% der Zeit)
Herkunftsfamilie: 9 mal jährlich, jeweils eine Stunde (0,9%)
Hilfeträger: 4 mal jährlich, jeweils eineinhalb Stunden (0,7%)
Vormund: 3 mal jährlich, jeweils eine Stunde (0,3%)
Jugendamt: 1 mal jährlich, eine knappe Stunde (0,1%)

Die Sachbearbeiterin in unserem Fall nimmt sich für Elvis einmal im Jahr etwa eine knappe Stunde Zeit…
Sie kennt das Kind also kaum, hat aber in ihrer Funktion den bei Weitem größten Einfluss auf die Gestaltung der Hilfe für das Kind.
Entsprechend findet die Hilfeplanung bislang fast ausschließlich auf der wirtschaftlich-bürokratischen und – das halte ich für besonders problematisch – auf der Macht-Ebene statt.

Die Priorität im Hilfesystem liegt eindeutig beim ‚Denken und Regeln‘.

Was meines Erachtens auf erschreckende Weise deutlich macht, wie wenig sich das Hilfesystem an den Bedürfnissen des Hilfeempfängers, dem Kind, ausrichtet: Das benötigt nämlich pädagogische Angebote auf der fachlichen Ebene sowie sichere Beziehungen und Liebe auf der emotionalen Ebene – beides mit der Priorität ‚Machen‘.

Das System muss verändert werden:
Weg vom Denken und Regeln – hin zum Machen!

Frage des Tages

Ist das Hilfesystem als Ganzes handlungsorientiert? Werden Einschätzungen der Pflegeeltern ernst genommen, um die Hilfe in größerem Maße an den tatsächlichen Bedürfnissen des Kindes ausrichten zu können?

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