Rucksack

Wenn ein Pflegekind in eine neue Familie kommt, bringt es einen ‚Rucksack voller Vorgeschichte‘ mit. Das Jugendamt kennt die ‚Packliste‘, teilt diese jedoch häufig nicht mit den Pflegeeltern.
Die Folge ist eine unhaltbare Situation in der Familie. Leidtragend ist immer das Kind.

Erst wenn sich das Kind an die neue Situation gewöhnt hat und die Bindung zu den neuen Bezugspersonen in der Pflegefamilie stark genug ist, kann es sich nach und nach so zeigen, wie es ist (siehe auch Blogeintrag „Wut“).

So kann es passieren, dass – mitunter Monate nach der Unterbringung – Verhaltensauffälligkeiten zu Tage treten, die ihren Ursprung in der Vorgeschichte des Kindes haben.
Wenn die Pflegefamilie mit diesen, z.T. heftigen, Ausbrüchen nicht zurecht kommt, ist der nächste Bindungsabbruch vorprogrammiert: das Kind muss die Familie verlassen.

Dass Pflegeeltern die Vorgeschichte des bei ihnen unterzubringenden Kindes nicht kennen, ist eher die Regel als die Ausnahme.
Auch wir haben vorab kaum Informationen über Elvis‘ Zeit in seiner Herkunftsfamilie vom Jugendamt bekommen. Darauf angesprochen, hieß es oft nur: „Tut mir leid. Datenschutz“.

Um nicht gleich als ‚unbequeme‘ Pflegefamilie dazustehen und Elvis nicht wieder zu verlieren, haben wir nicht nachgebohrt und uns mit den wenigen Dingen, die wir wussten, begnügt.
Eine wirkungsvolle Biografie-Arbeit war so Jahre lang nicht möglich.

Die Frage, ob das Jugendamt sich in unserem, wie in anderen Fällen so verhält, um das Kind überhaupt unterbringen zu können (weil man annimmt, dass es ‚mit Rucksack‘ für eine Unterbringung zu unattraktiv wäre), kann ich nicht beantworten.
Klar ist jedoch, dass die Jugendämter einem immensen Druck ausgesetzt sind, viele Tausend Kinder jährlich unterzubringen.

Gerade weil der Druck auf die Jugendämter durch den hohen Bedarf an Pflege- und Erziehungsstellen so hoch ist, sollten man sich Amts-intern fragen, ob der intransparente darin der richtige Weg ist.

Man fragt sich (nicht): Was ist das größere Übel?
Die Absage einer Familie, die sich nicht zutraut ein bestimmtes Kind aufzunehmen (aber gerne ein anderes nehmen würde)?
Oder die Absage einer Familie, die ein Kind aufgenommen hatte und nicht mehr mit ihm zurecht kommt – mit der Folge eines erneuten Beziehungsabbruchs für das Kind?

Kleiner Tipp aus dem Pflegefamilien-Alltag: Die Frage einfach mal aus der Perspektive des Kindes beantworten…

Frage des Tages

Ist die Unterbringung eines Kindes, ohne die Pflegeeltern umfassend über dessen Vorgeschichte zu informieren, professionell tragbar?

Inspiration zu diesem Beitrag war das Deutschlandfunk-Feature „Kampf um Pflegekinder – Sieben Neuanfänge, das Jugendamt und ein Kind“ vom 29.01.2018 (als Podcast hören).

Gelesen im „paten – Die Fachzeitschrift rund ums Pflegekind und Adoptivkind“, Ausgabe 1/2018, herausgegeben vom PAN e.V.

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