Kindeseltern mit FASD

Im konstruktiven Umgang mit FASD-geschädigten Erwachsenen muss berücksichtigt werden, dass diese ‚anders ticken‘.
Ein Erfahrungsbericht.

Im Rahmen der Recherchen zum Beitrag ‚Dauerbreit‚ stieß ich auf das umfangreiche Informationsangebot von FASD Deutschland e.V. 1. Nach Altersstufen (Kleinkinder, Schulkinder, Jugendliche, Erwachsene) sind dort besondere Verhaltensweisen und -merkmale von Menschen mit FASD aufgelistet.

Ein Mensch mit der Diagnose FASD durchlebt in allen Altersstufen Schwierigkeiten verschiedener Art. Diese Eigenschaften können beim gesunden Menschen auch vorkommen, nur bei Menschen mit FASD sind diese Eigenschaften äußerst ausgeprägt und weisen auch kaum Besserungen nach therapeutischer Hilfe auf.
Ann Gibson, FASD Deutschland e.V.

In der Kinder- und Jugendhilfe konzentriert sich das Hilfesystem (zumeist) auf den Hilfeempfänger, das Kind. Die Kindeseltern sind (optimalerweise) ein wertgeschätzter Teil dieses Hilfesystems. Ihre aufrichtige Zustimmung und aktive Mitwirkung halte ich für einen essentiellen Schlüssel zur erfolgreichen Unterbringung eines Kindes.
Nur mit der Unterstützung der Kindeseltern wird überhaupt heilende Beziehungserfahrungen des Kindes in der Pflegefamilie möglich.

Als wertgeschätzter Teil des Hilfesystems werden die Kindeseltern im Rahmen von Hilfeplangesprächen in dessen Entscheidungen mit eingebunden.
Doch was, wenn die Kindeseltern selber FASD-geschädigt sind? Berücksichtigen alle Akkteur*innen des Hilfesystems, dass die Kindeseltern ‚anders ticken‘?

Anhand einiger von FASD Deutschland aufgeführten Besonderheiten von erwachsenen Menschen mit FASD 2 möchte ich hier meine Erfahrungen aus etlichen Hilfeplangesprächen mit einer FASD-geschädigten Kindesmutter schildern:

Sie halten soziale Regeln oft nicht ein.

Ich habe schon erlebt, wie eifrige Damen vom Jugendamt den sehr aufgeregten Kindeseltern zum Anfang eines Hilfeplangesprächs einen zehnminütigen Vortrag über Benimmregeln haben angedeihen lassen: „Nein! Man gibt sich auf jeden Fall die Hand. Das ist einfach so, hier in Deutschland. So benimmt man sich hier“, usw…
Andere Beispiele für ‚Regelbruch‘ sind unkonventionelle Umgangsformen, wie ungefragtes duzen oder die permanente Ansprache lediglich mit dem Nachnamen der jeweils gemeinten Person, Unpünktlichkeit oder das (unentschuldigte) Versäumen von Terminen.

Sie sind oft erschöpft und reizbar wegen Schlafstörungen

Über ihr Schlafverhalten habe ich mich so direkt nie mit der Kindesmutter ausgetauscht. Aber wirklich ausgeruht und entspannt hat sie bei keinem der Termine ausgesehen. Die Erschöpfung wirkte sich auch regelmäßig (verringernd) auf ihre Frustrationstoleranz aus, was eine konstruktive Entscheidungsfindung, besonders am Ende längerer Besprechungen, sehr erschwerte.

Sie sind leicht beeinflussbar von stärkeren Persönlichkeiten.

Diese Eigenschaft der Kindesmutter zieht sich leider wie ein roter Faden durch Elvis‘ Lebensgeschichte.
Selbst fördernden Maßnahmen – auch der Fremd-Unterbringung ihres Kindes – grundsätzlich positiv gegenüber stehend, war und ist sie sehr Empänglich für jeglichen Einfluss von Menschen aus ihrer Umgebung (Partner, Schwiegermutter, Anwalt, etc.). Dies führte wiederholt zu erstaunlichen Kehrtwendungen in Entscheidungsprozessen im Sinne des Kindeswohls. Neben den vielen kleinen Entscheidungen, bei denen sie immer wieder in die starre und ablehnende Haltung ihres Partners verfiel, bildete das, von der Kindesmutter unter Einfluss eines geschäftstüchtigen Rechtsanwalts ausgelöste, Gerichts-Verfahren auf Rückführung des Kindes in seine Herkunftsfamilie einen absoluten Tiefpunkt in Elvis‘ sozial-emotionaler Entwicklung.

Sie sind sehr anfällig, abhängige Verhältnisse anzufangen, die dann oft in Gewalttätigkeit übergehen.

Dieser Punkt schließt nahtlos an den vorangegangenen an.
Trifft auf unsere Kindesmutter so wohl leider auch zu – was eine konstruktive Hilfeplanung (mit dem Gewalttäter am Tisch) sicherlich nicht einfacher macht. Durchweg gute Erfahrungen haben wir gemacht, wenn der Kindesvater mal nicht an einem vereinbarten Termin teilnehmen konnte: Die Kindesmutter konnte in den verschiedenen Punkten gut zu eigenen Haltungen und Entscheidungen kommen und diese dann auch (vorsichtig) formulieren. Unter dem strengen Blick des Partners undenkbar.

Sie haben ein großes Risiko, dass sie die Beaufsichtigung, die sie brauchen, als Gefängnis empfinden.

Selber damals ein Kinder- und Jugendhilfe-Fall, stand die Kindesmutter bislang ihr ganzes Leben unter Beaufsichtigung. Zu einer (subjektiven) Verbesserung ihrer Lage hat das jedoch nicht geführt. Ablehnung jeglicher Hilfeangebote als Ausbruchsversuch.

Sie haben Wutausbrüche, wenn sie aufgefordert werden, irgendetwas zu machen, was ihnen übertrieben oder unvernünftig erscheint (…).

So erlebt in dem Hilfeplangespräch zum Thema FASD 3. An eine konstruktive Hilfeplanung war nach dem Wutausbruch nicht mehr zu denken.

Sie sind unfähig, Medikamente regelmäßig einzunehmen (z.B. Pille).

Dieser Punkt mag auf den ersten Blick nicht viel mit dem Gelingen von Hilfeplanung für ein Kind zu tun haben. Das ändert sich allerdings schlagartig, wenn neben nach dem kleinen Hilfeempfänger noch weitere Kinder geboren werden, deren Betreuung und Erziehung die, mit einem Kind bereits überforderte, Kindesmutter dann restlos überlastet.
Gemeinsam zu einer von allen Aktuer*innen des Hilfesystems tragbaren Hilfeplanung zu kommen, wird so unheimlich schwer.

Frage des Tages

Sind alle Akteur*innen des Hilfesystems (Jugendamt, Träger, Vormund, etc.) geschult im Erkennen von und im Umgang mit FASD-geschädigten Personen?

Fußnoten:

  1. www.fasd-deutschland.de
  2. vgl. www.fasd-deutschland.de/fasd-bei-erwachsenen
  3. Fetale Alkoholspektrum–Störungen (FASD) ist der Oberbegriff für alle Formen kindlicher Schädigungen, die durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft verursacht werden können. Sind die alkoholbedingten Schädigungen besonders umfassend, spricht man von einem fetalen Alkoholsyndrom, kurz FAS.
    Quelle: www.fasd-deutschland.de

Schreibe einen Kommentar